Unsere Bilanz: Ein Jahr digitale Ausstellung

Unsere Bilanz: Ein Jahr digitale Ausstellung
Schulklassenbesuche in der digitalen Ausstellung sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Diese Schüler kommen zum Beispiel aus Belgien angereist und stehen an der VR-Brille Schlange.Foto: Annette Thoma

Die digitale Ausstellung im Konzerthaus Berlin jährt sich im Mai zum ersten Mal. Grund genug, die Zeit einmal Revue passieren zu lassen und zurückzublicken: Wie kommt die Ausstellung bei den Besuchern an? Was mussten wir verbessern, was haben wir für die Zukunft gelernt? Unsere Bilanz.

Gleich vorweg: Wir sind von den Besucherzahlen mehr als begeistert! Im Sommer 2018 wurden pro Monat rund 10.000, meist internationale Gäste aus aller Welt gezählt, an Spitzentagen haben bis zu 1500 Menschen den Weg über die Freitreppe ins Vestibül gefunden. Die fünf digitalen Stationen mit VR und AR sind also eine echte Bereicherung für das Programm „EinBlick frei“, in dessen Rahmen das Vestibül nahezu täglich kostenfrei geöffnet ist.

Viele der Besucher sind technische Erstbenutzer. Aus diesem Grund konnten wir jederzeit beobachten, wie der Umgang mit VR und AR verstanden wird und ob auch die inhaltliche Ebene entsprechend gut vermittelt werden kann. Eine dauerhafte Betreuung der Ausstellung war und ist somit unerlässlich. Vor Ort sind speziell geschulte Ehrenamtliche tätig, die sich nicht nur bestens mit der Geschichte und Programmatik des Hauses auskennen, sondern mittlerweile auch in Virtual und Augmented Reality bewandert sind. Sie helfen bei Rückfragen der Besucher und zeigen ihnen den richtigen Umgang mit der Technik. Denn: Nach wie vor bestehen Hemmschwellen, die Technik einfach auszuprobieren und mit dem digitalen Content zu experimentieren.

„Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Selbstbewusstsein die Kinder an die Technik herangehen und sie sofort verstehen!“

Wolfgang Herzer zum Beispiel ist so eine Betreuungsperson, an die sich die Besucher wenden können, wenn sie etwas nicht verstehen. Seit 2015 ist er ehrenamtich am Konzerthaus Berlin tätig und hat die digitale Ausstellung somit von Beginn an begleitet. Anfangs war er überrascht, was mit der heutigen Technik so alles möglich ist. „Das kann aber auch an meiner Generation liegen“, begründet er seine anfängliche Verwunderung. So müsse er insbesondere ältere Besucher „ein bisschen schubsen“, die Technik einmal auszuprobieren. Bei den jüngeren Besuchern der Ausstellung sieht das aber schon wieder ganz anders aus: „Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Selbstbewusstsein die Kinder an die Technik herangehen und sie sofort verstehen“, sagt Wolfgang Herzer.

Der Ehrenamtliche Wolfgang Herzer an der Stele mit dem 3D-Modell des Konzerthaus Berlin. Foto: Annette Thoma

Die gleiche Beobachtung macht auch Christine Becker. Sie ist seit 2013 ehrenamtlich bei „EinBlick frei“. „Gerade jüngere Leute stürzen sich auf die Stelen, kennen sich aus und haben überhaupt keine Hemmungen, mit der Technik umzugehen“, beschreibt sie. Bei den älteren Menschen müsse sie zwar am Anfang etwas Hilfestellung leisten, aber „dann sind sie alle total begeistert“. An der VR-Brille stehen die Leute Schlange, weiß Christine Becker zu berichten, „auch das virtuelle Quartett kommt sehr gut an, weil es so schön interaktiv ist. Manche Besucher bedanken sich sogar für die tolle Ideen, bevor sie gehen.“

Die Ehrenamtliche Christine Becker zeigt einer Besucherin das „Virtuelle Quartett“. Foto: Albrecht Sensch

Der Aspekt der musikalischen Vermittlung wird in der Ausstellung besonders fokussiert. Umso schöner ist es, dass sich die Anfragen für Führungen häufen. Andere Kulturinstitutionen aus dem In- und Ausland, Universitäten, Seniorenvereine oder Schulklassen waren bereits bei uns zu Gast. Die Ausstellung wird aber auch in das bestehende Education-Programm des Konzerthaus Berlin integriert: Oberstufenklassen, die zu einem Probenbesuch mit dem Konzerthausorchester Berlin ins Haus kommen, werden stets eine speziell betreute Führung durch die Ausstellung angeboten. Eine besondere Art, sich auf die Probe eines klassischen Sinfonieorchesters vorzubereiten!

„Die Ausstellung ist schülernah: Klassik eingebettet in ihre Lebenswelt.“

Setzen sich die Schüler beispielsweise die VR-Brille auf und tauchen mitten in das Konzerthausorchester Berlin ein, sind sie durch den unmittelbaren Perspektivenwechsel sofort begeistert. Durch das exklusive Erlebnis in der virtuellen Welt findet der Wissenstransfer spielerisch statt. Die Schüler lernen durch die interaktive Teleport-Funktion die wichtigsten Stimmgruppen und Instrumente eines Sinfonieorchesters kennen – und nicht selten ist die Wahrnehmung so emotional und immersiv, dass sie die Musiker anfassen wollen oder dem Dirigenten zuwinken. „Die Ausstellung ist sehr ansprechend und schülernah: Klassik eingebettet in ihre Lebenswelt“, fasst eine Gymnasiallehrerin den Besuch mit ihrer Oberstufenklasse zusammen. „Die Angebote sind für Schüler selbsterklärend und erschließen sich ihnen sofort – trotz der technischen Komplexität.“

Volles Vestibül: Eine Schulklasse besucht die digitale Ausstellung. Foto: Annette Thoma

Und welche Station kommt am besten an? Im Prinzip sind es zwei Anwendungen, die recht klar herausstechen: das „Virtuelle Quartett“ in Augmented Reality und das Konzerthausorchester Berlin in VR. An den beiden Station wird deutlich, was wichtig für eine spannende User Experience ist:

– Hoher Interaktionsgrad
– Überraschender Mehrwert
– Immersiver Perspektivenwechsel, der in der Realität so nie möglich wäre
– Niedrigschwelliger Zugang über ein unterstützendes User Interface

Trotz der positiv ausfallenden Bilanz muss jedoch gesagt werden, dass die Ausstellung auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Die Stelen, die Tablets und die VR-Brille müssen betreut, gereinigt und gepflegt werden – allein, ein geeignetes Ladekabel zu finden, das die Tablets 24/7 mit genügend Strom versorgt und dabei auch noch robust genug ist, wenn es pro Tag durch hunderte Hände wandert, war nicht einfach. Ebenso haben wir die technische Handhabung und die Vermittlung des Contents immer wieder evaluiert. Dabei ist uns an einer AR-Station aufgefallen, dass die technische Umsetzung die Besucher nicht darin unterstützt, den Inhalt adäquat zu erfassen. Technik ist also nicht immer das Allheilmittel und darf nicht um ihrer selbst willen eingesetzt werden. Eine Station erhält somit ein grundlegendes Update – welche genau, wird an dieser Stelle noch nicht verraten.

Nach diesem Jahr sind wir umso mehr überzeugt, dass Techniken wie VR und AR bestens dafür geeignet sind, Klassik im digitalen Raum zu vermitteln – und das für jede Altersstufe. Ebenso richten wir unseren Blick nach vorne: Die Ausstellung wird stetig erweitert und verbessert. In den nächsten Wochen werden zwei neue Projekte Einzug ins Vestibül halten. Wir halten Euch auf dem Laufenden!

Mal direkt neben der Konzertmeisterin sitzen? Eine Besucherin schaut sich das Konzerthausorchester Berlin in Virtual Reality an. Foto: Annette Thoma

Annette Thoma
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