„5 Fragen an …“: Prof. Stefan Weinzierl

„5 Fragen an …“: Prof. Stefan Weinzierl
Prof. Dr. Stefan Weinzierl von der Technischen Universität Berlin.Foto: TU Pressestelle, Bearbeitung: Albrecht Sensch

Prof. Stefan Weinzierl ist Leiter des Fachgebiets Audiokommunikation an der TU Berlin und hat uns mit seinem Team die speziellen Tonaufnahmen für unser "Virtuelles Quartett" ermöglicht. Was genau dahinter steckt und warum die Aufnahmen alles andere als alltäglich für unsere Musiker waren, hat er Annette Thoma genauer erzählt.

Wer eine Weltneuheit entwickelt, der muss auch neue Schritte gehen. Bei unserem Projekt des „Virtuellen Quartetts“ war dies in jeder Etappe der Fall: Sowohl die Ton- als auch die Videoaufnahmen waren für das Konzerthaus Quartett mehr als ungewöhnlich und alles andere als alltäglich. Auch die Musikinstrumente mussten strengen Richtlinien entsprechen und wurden deshalb für die Videoaufnahmen kurzerhand neu gekauft und matt lackiert.

Das wichtigste Element des Projektes war und ist jedoch der Ton. Um vier voneinander getrennte Einzelspuren zu erhalten, wurden die Musiker auf die für ein Streichquartett wohl unnatürlichste Weise aufgenommen: Ohne Sichtkontakt zueinander saßen sie in den vier Ecken des Reflexionsarmen Raumes der Technischen Universität (TU) Berlin und hörten sich nur über eine individuelle Mischung über Kopfhörer. Sayako Kusaka, Johannes Jahnel, Amalia Arnoldt und Felix Nickel vom Konzerthaus Quartett haben diese Aufgabe aber perfekt gemeistert – auch dank der guten Vorarbeit und der Betreuung während der Aufnahmen durch das Team des Fachgebiets Audiokommunikation an der TU Berlin. Annette Thoma hat Prof. Stefan Weinzierl fünf Fragen rund um die so besonderen Tonaufnahmen gestellt.

 

Betritt man den Reflexionsarmen Raum der TU Berlin, wird man von dem eindrucksvollen Erscheinungsbild erst einmal in den Bann gezogen. Was genau macht den Raum so besonders und warum kam nur so ein spezieller Ort für die Tonaufnahmen in Frage?

Für akustische virtuelle Realitäten ist es wichtig, dass der räumliche Eindruck, der durch ein spezifisches Muster von Schallreflexionen an den Wänden des Raums entsteht, durch den Simulationsalgorithmus erzeugt wird, und dass das von der Schallquelle produzierte Musiksignal selbst noch keine räumliche Informationen enthält. Das Musiksignal muss also in einem Raum aufgenommen werden, der keinerlei Schallreflexionen erzeugt. Genau dies ist die Eigenschaft eines sog. „reflexionsarmen Raums“, dessen Wände aus über 1 m dicken Schaumstoffmaterial bestehen, die jede auftreffende Schallwelle vollständig absorbieren.

Umgeben von unzähligen Absorbern: Sayako Kusaka und Johannes Jahnel vom Konzerthaus Quartett im Reflexionsarmen Raum der TU Berlin. Foto: Maximilian Reich

Das Streichquartett wird auch die Königsdisziplin der Kammermusik genannt – solch ein klassische Formation aufzunehmen, erfordert für alle Beteiligten umso mehr ein hohes Maß an Präzision, Konzentration und Erfahrung. Welche Herausforderungen haben sich für Sie und Ihr Team aus technischer Sicht zusätzlich ergeben?

In diesem Fall lag die Herausforderung vor allem darin, in der ungewohnten akustischen Umgebung für die Musiker einigermaßen akzeptable Hörbedingungen zu schaffen. Denn bereits das Musizieren in einer „schalltoten“ Umgebung ist ungewohnt, erst recht aber, wenn die Musiker auch noch einige Meter voneinander entfernt musizieren müssen, damit die vier Instrumente akustisch getrennt voneinander aufgenommen werden können. In einer solchen Situation sind sie besonders auf das Feedback und das Einfühlungsvermögen des Tonmeisters angewiesen.

 

Die technischen Bedingungen der Aufnahmen rüttelten an zwei wesentlichen Säulen der musikalischen Brillanz und Perfektion: Der Blickkontakt zu den Mitmusikern fehlte komplett und die anderen Stimmen, einschließlich der eigenen, wurden nur über Kopfhörer wahrgenommen. Was ist in Ihren Augen gewöhnungsbedürftiger für die Musiker eines Streichquartetts: die fehlende auditive oder visuelle Komponente?

Nach meiner Erfahrung sind Musiker nach einer gewissen Eingewöhnungszeit in der Lage, sich an beide Faktoren zu gewöhnen. Zumal es auch andere Produktionen gibt – ich denke etwa an die Einspielung von Filmmusik, die unter ähnlichen Bedingungen ablaufen.

Auf der anderen Seite der Wand verfolgt Tonmeister Erik Brauer die Aufnahmen live auf seinem Laptop. Mit dabei ist immer die Partitur des Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert zum Mitlesen. Foto: Annette Thoma

Der Name des Reflexionsarmen Raumes sagt es bereits: Hier kommt der Schall nicht weit – das gesprochene Wort klingt wie in Watte gepackt. Wie kommen die Leute, die hier arbeiten und aufnehmen, mit den akustischen Bedingungen zurecht?

Viele Menschen empfinden hier ein Gefühl der Desorientierung und der Isolation. Normalerweise ist es aber nicht erforderlich, sich länger in diesem Raum aufzuhalten. Akustische Messungen werden zwar häufig in diesem Raum eingerichtet, dann aber von einem Platz außerhalb des Raums gesteuert und ausgewertet. Insofern muss man sich um sein Wohlbefinden meist keine Sorgen machen.

 

Der Reflexionsarme Raum ist regelmäßig belegt. Welche Aufnahmen und wissenschaftlichen Forschungen finden hier sonst normalerweise statt?

Um das akustische Verhalten von Schallquellen zu beschreiben, ist es fast immer erforderlich, die Einflüsse des Raums auszuschalten. Das beginnt bei Lärmmessungen an Kühlschränken und PC-Lüftern über die Emission von Kfz-Motoren bis zur Messung der Abstrahlcharakteristik von Lautsprechern und Musikinstrumenten.

Absorber und Diffusoren, Kabel, Kopfhörer und ein Netz als Boden – die bis dato wohl ungewöhnlichste Aufnahmesituation für das Konzerthaus Quartett. Foto: Annette Thoma

 

Kurzbiographie von Prof. Stefan Weinzierl:

Stefan Weinzierl ist Leiter des Fachgebiets Audiokommunikation an der TU Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Raumakustik, der virtuellen Akustik, der musikalischen Akustik und der Audiotechnik. Mit einem Diplom in Physik und als Tonmeister promovierte er im Bereich der musikalischen Akustik an der TU Berlin. Derzeit koordiniert er zwei europäische Forschungskonsortien auf dem Gebiet der virtuellen Akustik (SEACEN) und des Music Information Retrieval (ABC_DJ), außerdem den Masterstudiengang Audiokommunikation und -technologie an der TU Berlin. Neben seiner akademischen Tätigkeit ist er als raumakustischer Berater für musikalische Aufführungsräume tätig.

 

Übrigens: Das „Virtuelle Quartett“ kann jeder ausprobieren! Dazu benötigt Ihr einfach nur unsere kostenlose App „Konzerthaus Plus“. Wenn Ihr diese gedownloadet habt (ab Android 5.0 oder iOS 10), gibt es drei Wege, um das „Virtuelle Quartett“ immer und überall zu erleben:

– Unsere aktuelle Saisonbroschüre im Konzerthaus Berlin besorgen und die entsprechenden Marker darin mit der App scannen

– Im Vestibül des Konzerthaus Berlin vorbeischauen und das „Virtuelle Quartett“ als Teil unserer Digitalen Ausstellung erleben – mit eigenem Smartphone oder Leih-Gerät vor Ort

– Die Marker einfach zu Hause ausdrucken: In der aktualisierten App findet Ihr neuerdings Download-Pakete, die Ihr selbst verwalten könnt. Bei jedem Paket steht Euch auch eine Print-Version der Marker zur Verfügung, die Ihr direkt an Euren Drucker senden könnt.

Klassik immer und überall genießen – das „Virtuelle Quartett“ spielt auf dem Küchentisch, in der U-Bahn oder auf der flachen Hand. Foto: Pablo Castagnola

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