„5 Fragen an …“: Katrin Glinka

„5 Fragen an …“: Katrin Glinka
Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Glinka. Foto: S. Faulstich

Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Glinka beschäftigt sich mit Themenfeldern rund um die digitale Transformation im Kulturbereich und ist zuständig für die wissenschaftliche Gesamtsteuerung des Verbundprojekts „museum4punkt0“, das von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ins Leben gerufen wurde. In diesem Blogbeitrag stellt sie sich fünf Fragen aus ihrem Fachgebiet.

An dem Verbundprojekt „museum4punkt0“ beteiligen sich bundesweit sieben Kulturinstitutionen, um neue digitale Angebote im Museumskontext zu erproben und die daraus entstehenden Partizipationsmöglichkeiten seitens der Besucher*innen zu untersuchen. Im Rahmen der wissenschaftlichen Gesamtsteuerung des Projekts übernimmt Katrin Glinka unter anderem die Konzeption und Entwicklung digitaler Kommunikations- und Vermittlungsangebote, berät und begleitet die teilnehmenden Museen mit deren Teilprojekten, betreut die Verbundplattform und hält Vorträge rund um das Thema digitale Kulturvermittlung. Viele gute Gründe, ihr dazu fünf Fragen zu stellen.

Es gibt keinen Königsweg in der digitalen Kulturvermittlung – zu dynamisch der technische Wandel, zu unterschiedlich die lokalen Bedingungen, zu heterogen die zu vermittelnden Inhalte. Bestehen dennoch gewisse Grundsatzregeln, an die sich Kultureinrichtungen halten sollten, wenn sie ihre Inhalte im digitalen Raum zugänglich machen?

Genau die Vielfalt ist es, die man im Blick haben und nutzen sollte. Auch in der analogen oder interpersonellen Vermittlung gibt es keine „one fits all“-Lösung, daher sollten wir das auch nicht von digitalen Formaten erwarten. Wenn eine Kultureinrichtung also ein digitales Vermittlungsformat entwickeln möchte, sollte man sich am Anfang erst einmal fragen, was man vermitteln möchte, was man erzählen will und wen (also welche Zielgruppe) man damit ansprechen möchte – und wo das passieren soll. Leider sehe ich immer wieder Beispiele, bei denen am Anfang der Entwicklung nicht der Inhalt, die Vermittlungsidee und das Nutzer*innenbedürfnis im Fokus steht, sondern die Entscheidung für eine Technologie. Eine solche Technikzentriertheit kann bei Standard-Lösungen auch mal gut gehen und macht auch dann Sinn, wenn man neue Technologien grundsätzlich in einem neuen Kontext ausprobieren und erforschen möchte. Dennoch muss die Technologie dem Vermittlungs- oder Kommunikationsziel dienen, und nicht umgekehrt. Das verfügbare Vokabular in der Vermittlung und Kommunikation wird mit digitalen Ausdrucksformen enorm erweitert. Damit ich für meine Vermittlungsidee und für mein Zielpublikum die passende Ausdrucksform finde, brauche ich selbstverständlich auch ein Verständnis für die Technik, was damit möglich ist und wie ich damit kommunizieren kann. Bei der Entwicklung ist es dann unabdingbar, iterativ zu arbeiten und zwischendurch Kurskorrekturen vorzunehmen. Dabei hilft es, sich an bewährten Ansätzen wie nutzer*innenzentrierter Entwicklung und iterativen Arbeitsweisen zu orientieren.

Wie kann man Entscheidungsträger*innen, aber auch Besucher*innen von Kultureinrichtungen die Angst nehmen, sich im kulturellen Kontext mit digitalen Technologien auseinanderzusetzen?

Angst sehe ich in dem Kontext eher selten. Bei Besucher*innen haben wir bisher meist Neugier und Faszination festgestellt – manchmal durchaus gepaart mit einer gewissen Unsicherheit, beispielsweise was die Bedienung der Technologie angeht. Der Unsicherheit kann man auf unterschiedliche Weise begegnen, beispielsweise mit entsprechender Betreuung bei der Nutzung oder dadurch, dass man für ein Angebot auf bereits erlernten Nutzungsgewohnheiten aufbaut – das kommt allerdings stark auf die gewählte Technik an. Bei Entscheidungsträger*innen gibt es auch eine breite Spanne an Haltungen: von absoluten Enthusiast*innen bis hin zu Bedenkenträger*innen. Bei Letzteren würde ich aber auch nicht von „Angst“ sprechen, sondern genauso von Unsicherheit und fehlender Vertrautheit mit digitalen Technologien und Formaten. Genau in dem Zusammenhang sehe ich den Wert von Prototypen: nicht nur kann man damit Besucher*innen an neue Technologien heranführen und wertvolle Erkenntnisse über die Nutzung sammeln; mit Prototypen ist es auch viel leichter, Entscheidungsträger*innen von einer Idee und einem Ansatz zu überzeugen. Wer selber Dinge ausprobieren kann und den Mehrwert in der Nutzung selber erlebt, setzt sich später auch mit weniger Unsicherheit mit digitalen Technologien auseinander.

Wie können Museen den raschen digitalen Wandel bestehen? Katrin Glinka auf der diesjährigen re:publica.

Wie haben sich die Erwartungen und Ansprüche seitens der Besucher*innen an Kulturinstitutionen durch die Digitalisierung verändert?

Es kommt darauf an, was man mit „Digitalisierung“ meint. Ich würde dabei zum Beispiel zwischen „Informationsbedarf“ zu einem Kulturangebot und Kontakt mit dem Kulturangebot an sich differenzieren. Wenn ich beispielsweise einen Besuch plane, erwarte ich, dass ich schnell alle nötigen Informationen finde. Das gilt nicht nur für die Website der Institution – im besten Fall sehe ich schon bei der Routenplanung, ob ein Museum heute geöffnet ist. Eine stärkere Serviceorientierung lässt sich bereits seit den 90er Jahren in Kultureinrichtungen beobachten und damit geht selbstverständlich auch eine entsprechende Erwartungshaltung des Publikums einher. Die setzt sich auch in der digitalen Welt fort. Beispielsweise nutzen viele Menschen Twitter dazu, Fragen zu stellen, Feedback zu geben oder gar um sich zu beschweren. Wenn eine Institution zwar einen Twitter-Account hat, aber keine kontinuierliche und professionelle Betreuung leisten kann und dann keine Reaktion auf diesem Kanal kommt, entspricht das nicht den Erwartungen des Publikums.

In der digitalen Vermittlung oder bei digitalen Kulturangeboten kann man auch eine Veränderung in den Ansprüchen bezüglich Partizipation und Personalisierung beobachten. Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass unser Input, z.B. in Form von Kommentaren unter einem Zeitungsartikel, sofort sichtbar wird. Wenn mir also z.B. im Museum die Möglichkeit zur Partizipation geboten wird, geht damit auch einher, dass ich wissen will, wo mein Input, meine Beteiligung landet und wie diese sichtbar wird. Personalisierung wiederum kennen wir aus vielen Mediennutzungskontexten: Spotify schlägt mir neue Musik basierend auf meinen Hörgewohnheiten vor, Netflix empfiehlt mir neue Filme und Serien und Amazon preist zu meinen bisherigen Käufen passende Produkte an. Insbesondere bei der personalisierten und individualisierten Vermittlung haben wir aber noch einiges vor uns.

Katrin Glinka auf der „Konferenz zur digitalen Entwicklung im Kulturbereich“, veranstaltet von der Technologiestiftung Berlin.

Digitale Kulturvermittlung hat in den vergangenen Jahren enorm an Zugkraft gewonnen. Was muss sich in Deinen Augen noch verbessern, damit diese positive Entwicklung weitergeht?

Die letzten Jahre mit vielen Digitalprojekten waren enorm wichtig, um Momentum aufzubauen, Konzepte auszuprobieren, Kompetenzen zu bilden, Neues zu entdecken, Arbeitsweisen und Methoden zu verstehen. Wenn ich mich aber aktuell umschaue, sehe ich leider ein großes Problem: top qualifizierte Mitarbeiter*innen, die nicht nur Fachwissen im jeweiligen Kulturbereich besitzen, sondern enorme Digitalkompetenz in die Institutionen tragen, sind auf befristeten Projektstellen beschäftigt. Deswegen ist meine Antwort auf diese Frage immer die gleiche: Digitalität ist kein Projekt. Projekte sind wichtig, wertvoll und sinnvoll und haben mit dazu geführt, dass mittlerweile in vielen Bereichen so viel fundiertes Wissen, Digitalkompetenz, erprobte Konzepte und Erfahrungswerte für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche einer digital agierenden Kulturinstitution existieren. Nun liegt die große Aufgabe darin, dieses Wissen und diese Kompetenz zu verstetigen. Digitale Vermittlung ist genauso eine Daueraufgabe, wie ihr analoger Gegenpart. Aus meiner Sicht ist es absolut nicht sinnvoll, wenn „das Digitale“ in Projekten abgehandelt wird, während die Institution und ihre Abteilungen genauso weitermachen, wie bisher. Das ist selbstverständlich einerseits eine Frage der Finanzierung, andererseits müssen die Institutionen aber auch beweisen, dass sie tatsächlich bereit sind für Veränderungen. Warum sollte zum Beispiel die nächste freiwerdende Stelle in der Vermittlung, in der Kommunikationsabteilung oder einem anderen Bereich nicht mit einer*einem Expert*in besetzt werden, die das Kerngeschäft beherrscht – aber das ganze eben auch digital denken und umsetzen kann?

Das Verbundprojekt museum4punkt0 läuft noch bis 2020. Das Thema der Nachhaltigkeit steht auch bei Euch im Fokus: Wie werden Eure Forschungsergebnisse nach Projektende zugänglich gemacht?

Alle Ergebnisse aus dem Projekt werden auf der Verbundplattform www.museum4punkt0.de veröffentlicht. Um die Nachnutzbarkeit zu ermöglichen, wird bei allen Ergebnissen eine offene Lizensierung gewählt und es werden Anleitungen und Dokumentationen publiziert, die im Detail beschreiben wie eine Anwendung aufgebaut ist und wie man sie nachnutzen kann. Neben der Möglichkeit, die offen publizierten digitalen Anwendungen weiterzuentwickeln oder zu nutzen, publizieren wir außerdem begleitende Studien und Besucher*innenbefragungen – beispielsweise zur Nutzung und Rezeption von Virtual Reality im Museum oder eine Checkliste für Betriebskonzepte. Wir hoffen, dass damit anderen Institutionen erleichtert wird, eigene digitale Angebote zu entwickeln und dabei von unseren Erfahrungen zu profitieren. Außerdem haben wir während des gesamten Projektes das Ziel verfolgt, Digitalkompetenzen aufzubauen – nicht nur in den beteiligten Institutionen. Eines der Formate ist unsere öffentliche Veranstaltungsreihe „museum4punkt0 | impulse“, die auch auf der Verbundplattform dokumentiert ist.

Kurzbiographie von Katrin Glinka:

Katrin Glinka ist Kulturwissenschaftlerin und verantwortet seit November 2017 die wissenschaftliche Gesamtsteuerung des Verbundprojekts museum4punkt0 bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMBF-Forschungsprojekt »VIKUS – Visualisierung kultureller Sammlungen« an der Fachhochschule Potsdam, wo sie auch weiterhin als Lehrbeauftragte tätig ist. Sie vereint Ansätze aus Kunstgeschichte, Soziologie und Museologie mit Technologieforschung, insbesondere aus dem Bereich der Visualisierung und Human-Computer-Interaction. Sie forscht und arbeitet zu Wissensrepräsentation und digitaler Verfügbarmachung von kulturellen Sammlungen und digital gestützter Kunst- und Kulturvermittlung.

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  • inge frank
    19. Dezember 2019, 18:43

    gute fragen – gute antworten. zum thema aus meiner sicht (bildende künstlein), wenn man stieht welch große anziehungskraft ausstellungen mit "originalkunst" haben kann man nur von einer entwicklung sprechen – die gerade der "virtuellen" darstellung geschuldet ist. jedes kunstwerk ob
    berühmt, alt, zeitgenössisch etc… ist sofort zum "ansehen". sicher ensteht da auch der wunsch bestimmte werke im original zu sehen. ich denke die museen sollten sich in diesem bereich stark machen für gute ausstellungen (was ja auch geschieht) und rein die informationen digital zugänglich machen (aber das sind basics). in der zugänglichkeit könnte noch viel mehr getan werden…längere öffnungszeiten vor allem abends, freien eintritt, etc..wenn man münchen als beispiel nimmt, montags hat kein einziges staatliches museum/pinakotheken geöffnet. da könnte man in personal investieren. mir erscheint es so, dass das wahllose digitalisieren umsichgreift. das hat auch mit profilierungsneurosen mancher museumsleiter und politiker zu tun. sie wollen halt "up to date" sein. bildende kunst erschließt sich eben in ihrer ganzen kraft nur im original, ich mache das in meinem rahmen, in dem ich mein atelier "jeden sonntag" für besucher öffne. es ist unglaublich schön und auch erstaunlich wie das angenommen wird.

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